Cindy aus Marzahn – Abgeschminkt

Cindy aus Marzahn – Abgeschminkt

Autobiografie auf dem Coverprüfstand

Seit einiger Zeit begegnet mir morgens ein Plakat. Ozzy Osbourne ist darauf zu sehen. Wer nicht weiß wer das ist, hat in der Geschichte des Rocks und Metals noch einiges nachzuholen. Aber wichtiger als das Wer ist das Was dieses Bildes. Denn weil ich dieses Poster kenne, ist mir das Cover von Ilka Bessins Autobiografie besonders ins Auge gesprungen. Schauen wir uns das Ganze gemeinsam an.Tourplakat Ozzy OsbourneTourplakat Ozzy Osbourne

Die Rollen des Lebens

Wir alle spielen Theater. Das ist nichts Neues und seit dem Behaviorismus wird diese Erkenntnis in regelmäßigen Abständen ins Licht gezerrt. Unser Verhalten im Beruf, Familie und bei Freunden? Alles nur Rollen die wir gelernt haben zu spielen.

In Normalfall kommen wir mit unseren Rollen gut klar. Aber bei manchen ist eine Ausprägung so stark, dass es schwerfällt aus ihr auszutreten. Künstler meist. Menschen, die künstliche Rollen spielen. Und wenn diese künstlichen Rollen auf ihre persönlichen einwirkt, dann droht der Konflikt.

Cindy aus Marzahn ist also Ilka Bessin. Nun ist sie bemüht die Rolle abzustreifen. Wie gut oder schlecht ihr das gelingt, ich mag es nicht zu sagen. Aber Ilka Bessin hat eine Autobiografie geschrieben. Und die werde ich nicht lesen. Aber das Cover ihres Buches „Abgeschminkt. Das Leben ist schön – von einfach war nie die Rede“ greift das Rollenthema auf. Und das ist spannend. Oder auch nicht. Denn es ist mies gemacht.

Abgeschminkt.
Cover von Ilka Bessins Autobiografie

Lernen vom Prince of Darkness

Cindy aus Marzahn, nein, Ilka Bessin legt also die Maske ab. Mensch, ist das spannend. Darauf haben wir gewartet. Es ist ihr wahrscheinlich wichtiger als uns. Aber sei es drum. Die beiden Figuren, eher Gesichter, schauen uns also vom Cover aus an. Frau Bessin gewollt ernst und die lustige Cindy-Maske irgendwie anders. Die Perspektive ist so gewählt, dass ich den Blick gar nicht deuten kann. Macht aber nix. Ist eh doof. Ich möchte das Buch am liebsten gleich weglegen. Genauso wie ich sofort das Programm gewechselt habe, wenn der pinke Trainingsanzug im Fernsehen auftauchte.

Ein Buch „Abgeschminkt“ zu nennen ist in Ordnung. Aber darunter verstehe ich dann „ohne Schminke“ und nicht nur mit etwas weniger Rosa im Gesicht. Wie gut die Maske mit Photoshop in das Bild eingefügt wurde, muss hier gar nicht Thema werden. Die reine Bildgestaltung schon.

Denn wie viel besser ist das Werbeplakat zur Tour von Ozzy Osbourne! Ungeschminkt blickt die Person Ozzy Osbourne zur Seite aus dem Bild. Man könnt auch sagen, er blickt ins Leere. Eine inhaltliche Leere. Eine Rolle ohne Position, ohne Anker und Halt. Aber Ozzy nimmt die Maske ab und was ist dahinter? Der fucking Prince of Darkness. Seine Kunstfigur. Geschminkt, so wie wir ihn kennen. Sein normales Leben spielt er nur (wir alle wissen aus alten MTV Zeiten wie schwer ihm das fällt). Aber auf der Bühne erwacht er zum Leben. Hier ist er Figur, hier darf er’s sein.

Ein neuer Trend?

Den Cover-Dreiklang als Trend in der Covergestaltung kennen wir. Dieser Maskenball ist mir tatsächlich neu. Es bleibt abzuwarten, ob noch mehr Verlage auf den Zug aufspringen werden. Ich wäre ja sehr gespannt, wie eigentlich Heino hinter seiner Maske aussieht … vielleicht klärt uns die nächste Biografie auf.

Ilka Bessin: Abgeschminkt. Das Leben ist schön – Von einfach war nie die Rede, November 2018, erschienen bei Random House (Heyne)