Ein Leben in Amazon

„Der Store“ von Rob Hart

Es gibt mit „The Circle“ ein Buch über Google und jetzt also mit „Der Store“ eins über Amazon. Beides sind Bestseller, werden also viel verkauft, aber davon lassen wir uns nicht blenden und schauen ganz genau hin. Und das tut weh.

Die Geschichte ist schnell erzählt. In der machen Zukunft hat sich ein Unternehmen, man könnte denken es sei Amazon, die Welt unter den Nagel gerissen, indem es einfach alle Konsumenten von sich abhängig gemacht hat. Die Menschen genießen den sicheren Käfig mehr als die gefährliche Freiheit und leben in sogenannten MotherClouds. Dort arbeiten sie wie kleine Ameisen und verpacken Dinge in Kartons.

Worum geht es?


Der Roman wird aus zwei Perspektiven geschildert. Zum einen durch Paxton, Hauptfigur und vor seiner Zeit bei Der Store irgendwie Erfinder und Unternehmer. Zum anderen Zinnia, betreibt Wirtschaftsspionage und schleust sich bei Der Store ein. Die Funktion des Erklärbärs übernimmt keine Erzählerstimme, sondern Gibson Wells. Durch Blogbeiträge des Gründers von Der Store erfahren wir etwas über die Entstehungsgeschichte und Entwicklung des Unternehmens. Was direkt auffällt: wäre dies der reale Blog des größten Unternehmens der Welt, dann hätte jemand dem CEO mal ordentlich unter die Arme greifen sollen. Sprachlich wahrlich nicht fesselnd.

Paxton und Zinnia treffen sich zum ersten Mal, als sie mit anderen Bewerbern für eine MotherCloud im Bus unterwegs zum Einstellungstest sind. MotherClouds sind vom Store unterhaltene Logistikzentren, in denen die Ware verschickt wird, aber auch die Mitarbeitenden leben.

Es entfaltet sich eine Geschichte die sich schnell zusammenfassen lässt: Paxton und Zinnia saufen jeden Tag miteinander und irgendwann schlafen sie auch miteinander. Paxton lässt sich vom Store einlullen und Zinnia strebt ohne nennenswerte Transformation ihrem Ziel entgegen, Cloud ausspionieren.

Denn man muss schon auf dem literarischen Auge blind sein, um die Schwächen von „Der Store“ nicht zu erkennen. Eine Rezension in Zitaten:

Da ich keine Zeit habe, ein Buch über mein Leben zu schreiben, wie es mir alle nahelegen, muss das hier ausreichen. Ein Blog ist doch ziemlich passend, oder nicht?

Der Store, S. 11, Gibson Wells über seine Beweggründe über Cloud zu schreiben und in welcher Form.

Puh. Hat er mal „Arbeit und Struktur“ gelesen? DAS ist ein Blog. Die Blogeinträge des Cloud-CEO erinnern eher an die ersten Schreibübungen eines Jugendlichen. Nur mäßig spannend.

Wer ist Rob Hart?

Rob Hart ist eigentlich politischer Journalist. „Der Store“ ist sein erster großer Roman. Und es beschlich mich beim Lesen das Gefühl, jemand hätte ihm einfach gesagt, „Hey Rob, schreibt mal was über Amazon, so wie in Der Circle. Das verkauft sich wie geschnitten Brot! Musste gar nix mehr machen!“

Noch mehr aus der Zitatekiste

Sonst würde ich im kommenden Jahr bloß jeden Tag herumhocken und Trübsal blasen, was aber nicht in Frage kommt.

Der Store, S. 14. Gibson Wells über seine Besuche in den MotherClouds. „Trübsal blasen“?! Aus welchem Jahrhundert soll bitte diese Redewendung kommen. Nur eine miese Übersetzung?

Das war eine Vorrichtung, in die man ein Ei legen konnte, um sie dann in die Mikrowelle zu stellen.

Der Store, S. 29. Paxton über seine Erfindung, die ihm Cloud geklaut hat. Es ist bemitleidenswert. Ich stelle mir Rob Hart mit seinem Lektor auf Kneipentour vor. Auf der Suche nach der perfekten Erfindung für seine Hauptfigur. Was könnte nur so unglaublich sein, dass es einen maximal aus der Bahn wirft, wenn jemand anderes das Patent klaut? Es muss die Fallhöhe von Antibiotikum haben! Mindestens! Und dann: Heureka. Eine Vorrichtung, die das perfekte Ei kocht. Geil. Zumindest im Zustand von zehn Aperol Spitz auf ex.

Tag, ich bin Gibson Wells, Ihr neuer Chef.

Der Store, S. 35. Intertext auf Orson Wells. Oder ist die Anlautung der Namen zu weit hergegriffen?

Ihr CloudBand, was die neuesten Features der Nahfeldkommunikation enthält, ist auf Sie – und nur Sie – codiert. […] wir empfehlen, es nur nachts zum Laden abzunehmen.

Der Store, S. 56. Ja bitte was sind denn die neuesten Features? Wir sind doch ich ein bisschen im Wissenschaftsroman, ein bisschen Sci-Fi, los, denk dir was aus. Welches Unternehmen würde denn mit „neueste Feature“ werben? Da weiß ja keiner, was das sein soll. Und wieso nachts abnehmen? Ihr wollt doch die total Überwachung, und Gesundheitsvorsorge, was ist denn mit den wichtigen Schlafdaten?

Wie Ihnen bekannt ist, bekommen Sie im Einklang mit dem Wohnraumversorgungsgesetz und dem Gesetz über papierlose Währung nicht den Mindestlohn.

Der Store, S. 57. Aha, na danke.

Sie nahm ihren Schminkbeutel zur Hand und kramte nach dem roten Lippenstift, den sie noch nie verwendet hatte. Schraubte den unteren Teil ab und zog einen Funkfrequenzdetektor heraus […].

Der Store, S. 61. Endlich! Der Klassiker des Spionageromanes, Gadgets in Schminkutensilien. Darf man das heute überhaupt noch schreiben? Anscheinend schon. Zinnia packt ihre Sachen aus …

[…] kehrte sie in die Spielhalle zurück und streifte ein paar Minuten durch die leeren Gänge, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Pac-Man. Die klassische Version.

Der Shop, S. 67. Einer geht noch, einer geht noch rein, möchte man allmählich gröhlen. Natürlich muss Pac-Man vorkommen. Und natürlich ebenso der Hinweis, auf die Herleitung des Namens. Moment woher kenne ich das … ah ja, „Scott Pilgrim VS. The world“. Und zwar viel besser.

Die Nachrichtenmedien versuchten schon seit Jahren, Undercoverreporter einzuschleusen, aber die waren immer durch die Testalgorithmen aussortiert worden. Zinnia hatte einen ganzen Monat gebraucht, sich eine falsche berufliche Laufbahn zurechtzulegen.

Der Store, S. 69. Einen ganzen Monat? Mensch, welch herausragende Leistung. Und zu den Journalisten: es sei Rob Hart verziehen, dass er jemanden wie Günther Wallraff nicht kennt.

Bis wir schließlich die Vereinbarung erzielten, selbst die Luftfahrtbehörde zu übernehmen. Wir haben sie privatisiert, mit tüchtigen Leuten ausgestattet – und sie wurde besser.

Der Store, S. 73. Ach, so einfach geht das? Und was bitte soll besser heißen? Du schreibst einen Roman, sag bitte was besser sein soll.

Eile mit Weile.

Der Store, S. 79. Leitspruch in einem Schulungsvideo von Cloud. Und wohl von führenden Marketingexperten empfohlen (Zwinkersmilley)

Kurzer Einwurf

Was mir lange nicht aufgefallen ist, ist die völlige Abwesenheit von Kindern. Es gibt sie einfach nicht. Gefühlt beschäftigt Cloud alle Einwohner Amerikas, aber diese haben wohl keine Kinder mehr. Da es keine freien Tage mehr gibt, entfällt auch die Möglichkeit am Wochenende zur Familie zu fahren und innerhalb der Strukturen der MotherCloud sind sie einfach nicht aufzufinden. Was natürlich zu der Frage führt, wie beschafft sich Cloud seine Arbeitskräfte?

Und noch mehr Zitate

Was ich hier schreibe ist völlig egal.

Der Store, S. 130. Gibson darüber, wie wenig Einfluss er über seine Position in den Geschichtsbüchern haben wird. Recht hat er.

Zum Beispiel das Gesetz zur Vermeidung bürokratische Hürden. Früher hat man Jahre gebraucht, bis man ein Gebäude errichten und geschäftlich nutzen konnte. Man musste allerhand Auflagen erfüllen, die größtenteils sinnlos waren. In einem Bundesstaat zum Beispiel – ich glaube, es war Delaware – musste man bei einer bestimmten Behörde eine Umweltverträglichkeitsstudie einreichen, für die man eine Stange Geld und etwa sechs Monate brauchte.

Der Store, S. 133. Wir sind jetzt endgültig in „Idocracy“ angekommen.

Gesetz zur Vermeidung von Mechanisierung, das bestimmte Einstellungsquoten und die maximale Anzahl an Arbeitsplätzen festlegt, die ein Unternehmen durch Roboter ersetzen kann.

Der Store, S. 134. Na super. Anstatt, dass durch die Mechanisierung die Menschen vom Joch der entwürdigenden Arbeit befreit werden, um in einer wahren Aufgabe aufzugehen und sich zu verwirklichen, muss es weiterhin Menschen geben, die sich wie Maschinen verhalten. Hauptsache sie haben einen Job.

Paxton wartete ab, wurde jedoch allmählich nervös, weil Zinnia womöglich auf die Idee kam, dass er gerade ein Ei legte, was ihm beim ersten Date peinlich wäre.

Der Store, S. 161. Puh, das ist schwer auszuhalten. Aber vielleicht soll es ein Bezug zu dem perfekten Ei herstellen. Wer weiß das schon.

Erneuter Einwurf

In Europa brennt die Lage. Aufgrund der Temperaturschwankungen (muss man sich kurz geben, welche Wortwahl der Erzähler hier anschlägt. Nix Klimakatastrophe, nix Klimawandel, nein, Schwankungen. Könnte ja morgen wieder besser werden) fliehen die Menschen aus Dubai, Abu Dhabi und Kairo. Ach herrlich, die Europakarte eines Amerikaners ist einfach so … leer. S. 215

Zitateendspurt …

„Aufs Klo muss ich übrigens auch“, sagte sie über die Schulter hinweg. „Es kann also ein paar Minuten dauern. Tut mir leid.“

Der Store, S. 334. Zur Erinnerung. Paxton und Zinnia sind mitten im Nirgendwo, haben gerade eine Bande mit Waffen in die Flucht geschlagen, wissen nicht, ob diese mit Verstärkung zurückkommen und für den Beschützer Paxton ist es ok, wenn Zinnia nicht nur weggeht, sondern lässig sagt, sie müsse auch mal kurz kacken gehen, was dauern würde. Das ist skurril!

„Wissen Sie eigentlich, wie wir [unseren Strom produzieren]?„

„Nein, leider nicht“, sagte Paxton.

„Na, sagen wir einfach, es ist innovativ und sehr speziell, und es wird die Welt wieder in Ordnung bringen.“

Der Store, S. 427. Ach, Sie wissen das nicht? Ich hab auch keine Ahnung. Die Wissenschaftler haben aber gesagt, es sei super. Was ein Blödsinn.

Später entpuppt sich diese innovative und spezielle Energiequelle als, haltet euch fest: Kalte Fusion (S. 433). Wow! Da hat wohl jemand „The Saint“ gesehen. Und daraus einen schlechten Plot abgeleitet.

Dank gilt meinem Lektor Julian Pavia, einem Meister der Erzähltechnik, der mit geholfen hat, das volle Potential der Geschichte zu entwickeln.

Der Store, S. 468, Danksagung. Ich glaube irgendwie, wir sprechen von verschiedenen Geschichten. Aber vielleicht hält es der Lektor ja wie Mister Miagi: meine besten Tricks verrate ich nicht.