Kritiker oder Leser – wer hat hier eigentlich das Sagen?

„Stella“ und der Sturm der Entrüstung

Das Feuilleton scheint sich einig zu sein: „Stella“ ist ein schlechtes Buch. Vom Spiegel-Redakteur Takis Würger geschrieben, im Hanser Verlag erschienen, von Stella Goldschlag handelnd. Diese war, um ihre Eltern zu schützen, eine jüdische Helferin der Gestapo. Eine historische Person im Nationalsozialismus und damit ist alles angerichtet, das Drama kann sich entfalten.

Der Roman und sein Autor sind derzeit mitten im literarischen Shitstorm der Kritiker. ZEIT Online titelt „Schuldig, jeder auf seine Art“ (meint Verleger und Autor) und die SZ „Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen“. Puh, da muss man erstmal durchatmen und braucht weitere Instanzen gar nicht aufzählen. Zusammengefasst: Der Roman kommt nicht gut an. Miese Erzählstruktur, schlechte Figurenzeichnung, naiver Umgang mit der Geschichte – Thema verfehlt.

„Stella“ von Takis Würger
Roman des Anstoßes

Bewertungen von „Stella“ in Onlineshops

Thalia: Fünf Sterne, 95 Bewertungen

Amazon: Vier Sterne, 74 Bewertungen

Buchhandlung.de: Fünf Sterne, 13 Bewertungen

Wer liest das schon?

Aber wen interessiert das schon? Bevor ein Buch gekauft wird, werden wohl die wenigsten sich am Feuilleton orientieren. Man kauft im Internet. Oder im Buchhandel, aber auch da steht kein Kritiker neben einem. Und man orientiert sich an den vergeben Sternen und Kundenmeinungen. Und dort steht „Stella“ richtig gut da, es wird bewertet und es wird für gut befunden. Denn es bleibt dabei: Kritik ist machtlos, wenn wir ihr keine Funktion zuordnen. Sie ist im besten Sinne konstruiert.

Siegfried Lenz hat dies in einer seiner Erzählungen gut getroffen. Sie ist einer kritischen Instanz gewidmet, dem großen „Ich nehme diesen Preis nicht an“-Marcel Reich-Ranicki.

Da steht ein Redner vor dem falschen Publikum. Aber beide bemerken es nicht und so redet ein Biologe über den großen Zackenbarsch und das Publikum ist überzeugt, in diesem einer Allegorie über Kritiker zu lauschen. Der große Zackenbarsch als Ordnungshüter des Aquariums. Ebenso ein künstlicher Raum. Man bescheinigt dem Kritiker eins: Expertise. Dabei nimmt er sich als lesende Person nicht aus der Rechnung und man kann, muss sich seinem Urteil nicht anschließen. Urteil und Meinung, dies unterscheidet nach meinem Empfinden ebenso die Kritik von der Sternebewertung.

Aber wir erleben eine Verschiebung der Macht. Hin zur sogenannten Authentizität: der Bewertung durch Endkunden. Doch ist das sinnvoll?

Onlineshops und Bewertungen

Onlineshops lechzen nach Kundenmeinungen. Denn Bewertungen schaffen Vertrauen. In die Produkte und in den jeweiligen Shop. Nach dem Motto: „Da ist jemand, der hat das Buch gelesen. Und zwar nicht, weil er muss. Sondern, weil er wie ich ein Interesse daran hat.“ – Glaubt man. Stimmt aber natürlich oft nicht. Denn die Verlage vergeben massenhaft Leseexemplare über Plattformen wie NetGalley, um Rezensionen zu generieren. Und ich habe den Eindruck, dass eine bestimmte Lesergruppe auf diesen Plattformen einfach alles liest. Ohne Kompromisse. Ist ja umsonst. Kostet einen höchstens, und da ist es wieder, eine Rezension.

Das diese Rezensenten wesentlich gnädiger in der Bewertung sind als Kritiker, macht es für Verlage natürlich noch attraktiver.

Und Kundenbewertungen haben vor allem zwei Themen: das Cover und ob sich der Rezensent mit den Figuren identifizieren kann, mit ihnen fühlt. Ansonsten sind sie oft einer Wiederholung des Klappentextes und der Hinweis, den Inhalt nicht wiederzugeben, man wolle ja nicht spoilern. Selten treffe ich auf eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Text, seiner Konstruktion und Beschaffenheit.

Was bleibt?

Zurück zur Frage. In welcher Welt wollen wir leben? Wie so oft wünsche ich mir einen Kompromiss. Ich wünsche mir einen Bücherpräsentation und Buchbesprechung, die beides darstellt. Die Meinungen der Endkunden, die Leser. Und die Expertenmeinungen von Kritikern. Das wäre schön.