Ist das die Zukunft? Der Block

Ist das die Zukunft? Der Block

„Der Block“ – ein brutal guter Roman

Einen wahrlich düsteren Roman Noir hat Jérôme Leroy geschrieben. Durch den inneren Monolog zweier Mitgliedern der rechten französischen Partei Bloc Patriotique begleitet der Leser diese durch eine schicksalhafte Nacht.  Und da es die Aufgabe des Schriftstellers sei, schlechte Nachrichten zu überbringen, so Leroy, kommt er ohne Umschweife zur Sache.

„Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden.“

„Der Block“ –  Jérôme Leroy

„Der Block“ ist ein aufrüttelnder Roman, wie Leroy selbst im Nachwort schreibt, in der „gute[n] alte[n] Form der klassischen Tragödie […], mit der Einheit von Zeit, Ort und Handlung.“ Mehrfach wurde mir beim Lesen unvermittelt übel. So viel Brutalität. So viel Wut. So viel sinnentleerte Gewalt und blanker Hass.

„Ich setzte mich rittlings auf ihn und schlug seine Araber-Visage mit den Fäusten zu Brei, man hörte seine Knochen krachen […]“

„Der Block“ – Jérôme Leroy

Frankreich – Spielplatz der politischen Rechten

In einem möglichen Frankreich brennt das Land in blutigen Aufständen und die politischen Anführer verhandeln eine Regierungsbeteiligung der Rechten, um im Land wieder eine Ordnung herzustellen. Eine baldige faschistische Ordnung. Die TV-Sender haben einen Body-Count in ihr Programm aufgenommen, die Zahl steigt fast stündlich.

Die Protagonisten: Stanko und Antoine, zwei bullige Typen mit einem Hang zum Gewalttätigen. Seit Jahrzehnten in tiefer Freundschaft verbunden. Der eine proletenhaft mit übler Kindheit, der andere reich an Bildung, beide mit einer unerschöpflichen Wut ausgestattet. Doch über der Freundschaft steht der Erfolg der Partei. Und Stanko ist für diese untragbar geworden. Nicht weil sie seine brutalen Aktionen verurteilt, nein, weil sie zu öffentlich geworden sind. Und so soll Stanko sterben.

„Damals war mich nicht so ganz klar, wieso wir irgendwelche Kanaken unterstützten, selbst wenn die weniger muselmäßig aussahen als andere.“

„Der Block“ – Jérôme Leroy

Er und Antoine haben erpresst, gedemütigt, verstümmelt und getötet und in hermeneutischen Zirkeln lässt Jérôme Leroy den Leser die Gewaltausbrüche in den großen Kontext bringen. Stanko als brutale Speerspitze der Partei, Antoine als Impulsgeber, welcher dem verlockenden Ruf der Gewalt so manches Mal folgt. Einzelne Schlachten werden geschildert und wo man siegreich den Feind zurückdrängte. Doch der Grund des Krieges, er ist nicht leicht zu finden. Aber vielleicht existiert er auch nicht, denn die Wut alleine reicht aus.

Die Parallelen zum Aufstieg des Front National sind nahezu eindeutig gezogen, doch vieles verfremdet, so behält sich der Roman vor für ein übergeordnetes Schema zu stehen. Das macht ein starkes Buch aus.

Exemplarisch lassen sich die Motive und Strategien in die Welt übertragen, auch nach Deutschland: eine aufgewiegelte Menge bei einer Wahlkampfveranstaltung im Roman wirkt wie die Blaupause zum politischen Aschermittwoch der AfD, an dem die zahlende Menge mit ihrem „Abschieben, Abschieben“ den Chor für die krächzenden Scharfmacher gab.

Die unvermeidbare Katastrophe spitzt sich im Laufe der Erzählung immer weiter zu. Perfide dabei, dass Stanko, auf der Suche nach Halt und Orientierung, auch kurz vor seinem Tod noch dem Block huldigend. Aber Leroy entwirft hier einen spannenden Charakter: wild, wütend, gewalttätig, homosexuell und mit brutaler Kindheit.

„Ich mochte diesen Geruch nach körperlicher Anstrengung, ich mochte ihre schweißgetränkten T-Shirts. Sie hassten mich, so wie man den, der einen trainiert, der einen zwingt, Schmerzen zu ertragen, immer hasst, und am Ende liebt man ihn doch, wenn man feststellt, dass ein Fausthieb genügt, damit der Typ dir gegenüber nicht wieder aufsteht.“

„Der Block“ – Jérôme Leroy

Die Fülle an intertextuellen Bezügen lässt einen schwindlig werden: Ilias, Proust, Shakespeare, Hegel, die Geschichten aus tausendundeine Nacht. Ein Faschist zu sein begründet sich nicht aus einem Mangel an humanistischer Bildung. Der Soundtrack des Buches: Eine wilde Mischung aus Slayer,Carl Orff  und Schostakowitsch.

Bei Zeiten überdreht Leroy die Handlung und plötzlich wähnt man sich in Hemingways Erinnerungen oder Fitzgeralds: In denen man sich Nachts mitten auf der Straße trifft, ohne Umschweife in eine intellektuelle Debatte verfällt und es dann heißt ‚Da ist eine Party bei x am anderen Ende der Stadt, y ist auch da und z ist so herrlich amüsant, Sie sind noch nüchtern genug, Sie fahren.‘ 

Das ändert jedoch nichts daran, dass „Der Block“ ein unglaublich wichtiges und gutes Buch ist. Und zu Recht ist er mit dem Deutschen Krimipreis International 2018 ausgezeichnet worden.

Doch welchen Ausblick gibt Leroy? Was treibt einen Menschen in die Fänge der Rechten? Die Antwort gibt der Text und sie ist wenig erbaulich für die Zukunft, durch die Gegenwart, in der wir uns befinden:

On nous Cache tout. On nous dit rien. Man verheimlicht uns alles. Man sagt uns gar nichts, singt Jacques Dutronc. Genau dieses primitive Ressentiment treibt, unausgesprochen, den Durchschnittsfaschisten an, ob er nun in die Partei eintritt oder dem Block bei jeder Wahl mit schöner Regelmäßigkeit seine Stimme gibt.“

„Der Block“ – Jérôme Leroy

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